{"id":308,"date":"2012-10-16T14:34:52","date_gmt":"2012-10-16T12:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=308"},"modified":"2012-10-16T14:34:52","modified_gmt":"2012-10-16T12:34:52","slug":"wir-haben-ein-ausbildungsproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=308","title":{"rendered":"\u201eWir haben ein Ausbildungsproblem\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leistung steht nicht mehr im Mittelpunkt bei der Benotung im Sportunterricht SZ-Interview mit Professor Dr. Georg Wydra, dem Pr\u00e4sidenten des Sportlehrer-Verbandes \u2013 SZ-Serie, Teil 7<\/strong><\/p>\n<p><strong>Saarbr\u00fccken<\/strong>. Professor Dr. Georg Wydra ist seit Oktober 1995 Inhaber der Professur f\u00fcr Gesundheits- und Sportp\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t des Saarlandes und Pr\u00e4sident des Deutschen Sportlehrer-Verbandes im Saarland. SZ-Mitarbeiter Sebastian Zenner hat im Rahmen der Serie \u201eSchule und Sport\u201c mit Wydra gesprochen \u2013 \u00fcber Fachlehrermangel, die fehlende Ausbildung und das f\u00f6derale Bildungssystem in Deutschland. Vor etwa zehn Jahren wurde f\u00fcr das Schulfach Sport ein neues Konzept entwickelt. Anstelle der Leistung werden sechs p\u00e4dagogische Perspektiven beachtet, unter anderem die Entwicklung des Gesundheitsbewusstseins.<\/p>\n<p><strong>Herr Prof. Dr. Wydra, die Notwendigkeit des Schulfaches Sport wurde bisher von keinem der Gespr\u00e4chspartner im Rahmen der SZ-Serie \u201eSchule und Sport\u201c in Frage gestellt. Woher kommt die Einigkeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Georg Wydra:<\/strong> Der Sportunterricht ist ein Beitrag zur Allgemeinbildung. Und das bedeutet: Bildung f\u00fcr alle. Was die Sportpartizipation angeht, haben wir schon eine soziale Schieflage. Zum Beispiel sind hier insbesondere weibliche Migranten in erheblichem Ma\u00dfe benachteiligt. Die soziale Schichtzugeh\u00f6rigkeit oder auch das Wohnquartier spielen dabei eine Rolle. Nicht alle haben Zugang zu Sport. Auch um alle Bereiche des menschlichen Daseins im Bildungssystem abzubilden, braucht man den Sport. In welchem anderen Bereich wird das Leibliche, das Spielerische oder der nat\u00fcrliche Bewegungsdrang, die zweifelsohne anthropologische Grundgr\u00f6\u00dfen sind, ber\u00fccksichtigt? Leider leben wir in einer Zeit der \u00d6konomisierung. Die \u00d6konomen und die Industrie machen irgendwelche Vorgaben, und man sieht gerade aktuell, dass die Bologna-Bildungsreform gescheitert ist, weil man \u00d6konomen gefolgt ist. Wir m\u00fcssen einfach einsehen, dass es jenseits der \u00d6konomie bestimmte Gr\u00f6\u00dfen gibt, die man ber\u00fccksichtigen muss. Und der Sportunterricht, oder besser noch bildet es der fr\u00fcher verwendete Begriff \u201eLeibeserziehung\u201c ab, geh\u00f6rt einfach dazu.<\/p>\n<p><strong>Was genau meinen Sie mit der \u00d6konomisierung der Bildung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wydra:<\/strong> Ende des letzten Jahrtausends haben viele internationale Gremien und Institutionen, allen voran die OECD, die Leistungsf\u00e4higkeit des deutschen Bildungssystems kritisch hinterfragt. Die PISA-Studie hat, angelehnt an zweifelhafte Indikatoren, Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Es wurde ma\u00dfgeblich unterst\u00fctzt, auch von der Wirtschaft, eine Reihe von Reformen wie das achtj\u00e4hrige Gymnasium und die Bologna-Reformen auf den Weg gebracht. Bei der Argumentation ging es nur darum, dass Deutschlands Schul- und Hochschulabsolventen angeblich zu alt waren. In diesen Tagen h\u00f6ren wir, dass die Wirtschaft mit 22-j\u00e4hrigen Bachelorn wenig anfangen kann, weil ihnen die Reife f\u00fcr F\u00fchrungsaufgaben in der Industrie fehlt.<\/p>\n<p><strong>Ein Problem, das in unserer Serie schon mehrfach angesprochen wurde, ist der Fachlehrermangel an Grundschulen. Wie konnte es dazu kommen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wydra:<\/strong> Wir haben das Dilemma, dass die P\u00e4dagogische Hochschule des Saarlandes 1978 geschlossen wurde und damit auch die Sportlehrer-Ausbildung f\u00fcr die Grundschule abgeschafft wurde. Seitdem kamen die Grundschul-Lehrerinnen und -Lehrer aus Landau zu uns, aber gr\u00f6\u00dftenteils ohne Kompetenzen in diesem Bereich. Ab dem kommenden Wintersemester werden diese Leute wieder hier ausgebildet. Wir haben ein Ausbildungsproblem, weil viele Lehrerinnen und Lehrer in Grundschulen einfach keine Ausbildung in Kunsterziehung, in Musikerziehung und in Sporterziehung gemacht haben. Das liegt aber an der Kultusministerkonferenz, die diese F\u00e4cher vor ein paar Jahren unter dem Begriff \u201e\u00e4sthetische Bildung\u201c zusammengefasst hat. Meiner Meinung nach muss jeder Grundschul-Lehrer in diesem \u00e4sthetischen Bereich ausgebildet sein.<\/p>\n<p><strong>Inwiefern betrifft die Einf\u00fchrung von Ganztagsschulen den Sport allgemein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wydra:<\/strong> Die Vereine, vor allem des Leistungssports, werden langfristig nur existieren k\u00f6nnen, wenn sie sich Gedanken machen, wie man au\u00dferhalb vom Elitegymnasium die sportliche Aktivit\u00e4t f\u00f6rdern kann. Der Ganztag bietet hierf\u00fcr ja eine Riesenchance. Aber dort m\u00fcssen ausgebildete Sportlehrerinnen und Sportlehrer diese Kapazit\u00e4ten \u00fcbernehmen. Es wird ein gro\u00dfes Erwachen der Vereine und Verb\u00e4nde geben, wenn irgendwann kein Nachwuchs mehr da ist. Das ist ein generelles Problem: Inwieweit k\u00f6nnen wir den Leistungssport in Deutschland noch mit ehrenamtlichen Kr\u00e4ften vorantreiben? Diese Diskussion ist ja gerade j\u00fcngst nach dem Abschneiden der deutschen Olympioniken in London wieder entbrannt. Wir brauchen mehr hauptamtliche, gut bezahlte Trainer, um das Ganze zu professionalisieren.<\/p>\n<p><strong>Die Auswirkungen auf den Leistungssport sind das eine. Inwieweit k\u00f6nnte ein Mehr an Schulsport \u2013 einhergehend mit einem Mehr an Fachkr\u00e4ften \u2013 Nutzen f\u00fcr die Breite bringen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Wydra:<\/strong> In einer Dissertation aus K\u00f6ln wurde festgestellt, dass an den Tagen, an denen Sportunterricht stattfindet, wesentlich weniger Unterrichtsst\u00f6rungen in anderen F\u00e4chern zu beobachten waren. Einfach als Folge dessen, dass sich die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ausgetobt haben und deshalb innerlich zur Ruhe gekommen sind. Optimal w\u00e4re es sicherlich, wenn man in der Schule nach einer halben Stunde sportlicher Bet\u00e4tigung in den Alltag starten w\u00fcrde. Das haben \u00fcbrigens Studien aus den USA und auch Modellprojekte in Deutschland bewiesen.<\/p>\n<p><strong>Sollten Schulen im Saarland \u00e4hnliche Projekte initiieren?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wydra:<\/strong> Bevor man neue Projekte startet, muss die Schule im Saarland mal zur Ruhe kommen. Wenn sich die j\u00fcngsten Ver\u00e4nderungen in den n\u00e4chsten Jahren gesetzt haben, wird man vielleicht auch in diesem Bereich wieder etwas mutiger werden.<\/p>\n<p><strong>Sollte Bildung Ihrer Meinung nach Bundessache sein?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wydra:<\/strong> Die V\u00e4ter des Grundgesetzes haben sich bei der f\u00f6deralen Struktur und auch dabei, die Kulturhoheit bei den L\u00e4ndern zu belassen, schon etwas gedacht. Es ist, denke ich, nicht gut, wenn alle Entscheidungen \u2013 wie zum Beispiel in Frankreich \u2013 zentral getroffen werden. Wir haben hier in Deutschland einen Wettbewerb zwischen den L\u00e4ndern, und irgendwann wird sich das beste System durchsetzen. So wie es auch das Konzept des erziehenden Sportunterrichts in den meisten Bundesl\u00e4ndern getan hat (siehe auch Randtext). Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte man das eine oder andere noch besser abstimmen, aber ich finde das f\u00f6derale System gar nicht so verkehrt.<\/p>\n<h1>Erfolge \u00fcber ein neues Konzept<\/h1>\n<p><strong>Saarbr\u00fccken.<\/strong> Mit einem Zitat aus dem 18. Jahrhundert von Jean-Jacques Rousseau er\u00f6ffnete Professor Dr. Georg Wydra die Gespr\u00e4chsrunde mit der SZ sowie den Landesfachkonferenz-Mitgliedern Albrecht Berkenkamp (Landesfachberater Sport und Vorsitzender der Landesfachkonferenz Sport) und Gerhard Dahm (Fachleiter Sport): \u201eVor allem wegen der Seele ist es n\u00f6tig, den K\u00f6rper zu \u00fcben, und gerade das ist es, was unsere Klugschw\u00e4tzer nicht einsehen wollen.\u201c<\/p>\n<p>Der Satz gilt als Leitspruch des Landesverbands Saar des Deutschen Sportlehrerverbands (DSLV-Saar) f\u00fcr das Jahr 2012. \u201eSport geh\u00f6rt zum Bildungsauftrag, daran f\u00fchrt kein Weg vorbei\u201c, sagt Albrecht Berkenkamp. Gerhard Dahm, der zwischen 2000 und 2010 Vorsitzender der Lehrplankommission war, erg\u00e4nzt: \u201eDas eigentliche Ziel ist, die sportliche Handlungsf\u00e4higkeit der Kinder und Jugendlichen herzustellen. Wenn sie aus der Schule kommen, sollten sie in der Lage sein, Sport zu treiben.\u201c<\/p>\n<p>Um dies zu gew\u00e4hrleisten, wurde vor etwa zehn Jahren ein neues Unterrichtskonzept f\u00fcr das Fach Sport etabliert, der \u201emehrperspektivische Sportunterricht\u201c. Fr\u00fcher stand die Leistung im Mittelpunkt der Benotung, heute ist das anders: \u201eDie Sichtweise ist viel differenzierter geworden. Wir betrachten sechs p\u00e4dagogische Perspektiven, bei denen die Leistung auch einen Teil darstellt, aber eben einer unter vielen\u201c, erkl\u00e4rt Dahm und verweist auf die Notwendigkeit, Kindern schon im Grundschul-Alter \u00fcber den Sportunterricht ein gesundheitliches Bewusstsein zu vermitteln. Die neuen p\u00e4dagogischen Perspektiven sind: Verbesserung und Erweiterung der Wahrnehmungsf\u00e4higkeit und der Bewegungserfahrungen, k\u00f6rperliches Ausdr\u00fccken und Bewegungsgestaltung, die Entwicklung eines Gesundheitsbewusstseins und die Verbesserung der Fitness, etwas wagen und verantworten, das Erfahren und Reflektieren des Leistens und die soziale Perspektive des gemeinsamen Handelns und Wettk\u00e4mpfens.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Aspekt der Lehrplan-Ver\u00e4nderung war auch die Erschlie\u00dfung von Bewegungsfeldern statt der Orientierung an klassischen Sportarten. Seither wird versucht, den Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern den Spa\u00df am Sport und die Eigenmotivation durch spielerische Anreize nahe zu bringen. Hilfestellung f\u00fcr die Umsetzung des Konzepts erhalten die Sportlehrer \u00fcber das umfangreiche Fortbildungsangebot des Landesinstituts f\u00fcr P\u00e4dagogik und Medien (LPM). \u201eSeit das Konzept durchgesetzt wird, sind die Noten im Fach Sport mittlerweile relativ gut\u201c, stellt Albrecht Berkenkamp fest. Dass die Kinder und Jugendlichen ohnehin Spa\u00df am Unterrichtsfach Sport haben, ist durch unterschiedliche Studien belegt.<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re sehr sch\u00f6n, wenn man es erreichen k\u00f6nnte, dass jedes Kind im Saarland schwimmen lernt\u201c, w\u00fcnscht sich Albrecht Berkenkamp. Allerdings wurde aufgrund von vermehrten Schwimmbad-Schlie\u00dfungen vor etwa vier Jahren das Schwimmen aus dem Lehrplan des gymnasialen Neigungsfachs (fr\u00fcher: \u201eLeistungskurs\u201c) Sport gestrichen. \u201eIch halte einen F\u00f6rderunterricht f\u00fcr Sch\u00fcler mit starken motorischen oder k\u00f6rperlichen Defiziten f\u00fcr dringend notwendig\u201c, \u00e4u\u00dfert Berkenkamp einen weiteren Wunsch.<\/p>\n<p>Im Internet:<\/p>\n<p>lpm.uni-sb.de<\/p>\n<p>dslv-saar.de<\/p>\n<p>swi-uni-saarland.de<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht seit Ende August 2012 in unterschiedlichen Lokalausgaben der Saarbr\u00fccker Zeitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leistung steht nicht mehr im Mittelpunkt bei der Benotung im Sportunterricht SZ-Interview mit Professor Dr. Georg Wydra, dem Pr\u00e4sidenten des Sportlehrer-Verbandes \u2013 SZ-Serie, Teil 7 Saarbr\u00fccken. 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