{"id":214,"date":"2011-01-14T14:55:53","date_gmt":"2011-01-14T13:55:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=214"},"modified":"2014-09-10T18:06:48","modified_gmt":"2014-09-10T16:06:48","slug":"jakob-lang-dauerlaufer-im-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=214","title":{"rendered":"Jakob Lang: Dauerl\u00e4ufer im Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p><strong>In einem Alter, in dem viele Menschen die sportlichen Aktivit\u00e4ten einstellen, hat Jakob Lang die Ultra-Distanz f\u00fcr sich entdeckt. Bei der WM in Gibraltar wurde er Zweiter \u00fcber 100 Kilometer. Doch sein Ehrgeiz ist weiterhin ungebremst.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nEtwa 71 Jahre muss es her sein, als sich Herr und Frau Lang dar\u00fcber den Kopf zerbrachen, welchen Vornamen sie ihrem Spr\u00f6ssling geben sollten. Glaubt man der Internet-Seite \u201ebeliebte-vornamen.de\u201c waren die Namens-Favoriten f\u00fcr m\u00e4nnliche Neugeborene im Jahr 1940 eigentlich Peter, Klaus oder Hans. Dass die Langs mit \u201eJakob\u201c quasi ins Schwarze treffen w\u00fcrden, d\u00fcrfte ihnen damals nicht klar gewesen sein.<\/p>\n<p>Jakob Lang ist heute 70 Jahre alt und einer der erfolgreichsten deutschen \u201eLang\u201c-Streckenl\u00e4ufer seiner Altersklasse. K\u00fcrzlich wurde er bei der Weltmeisterschaft in Gibraltar Zweiter \u00fcber 100 Kilometer (in 10:53:35 Stunden) \u2013 schlagen konnte ihn nur sein deutscher Mannschaftskamerad und Dauer-Rivale Norbert Hoffmann vom SC Selters (9:28:51 Stunden). Der Vorname \u201eJakob\u201c zieht interessante Parallelen zu Namensvettern aus l\u00e4ngst vergangenen Tagen: \u201eJakobus der Gerechte\u201c wurde der Bruder von Jesus Christus genannt \u2013 Lang war bis 1982 als Staatsanwalt und bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 als Richter am Saarbr\u00fccker Sozialgericht t\u00e4tig. Zuletzt war er dessen Vize-Pr\u00e4sident. Auch gab es einen \u201eJakobus den \u00c4lteren\u201c, seines Zeichens Bruder Johannes des T\u00e4ufers. Einen Vergleich von Langs Leidenschaft f\u00fcr Kneipp-Wasserkuren zu dem ebenfalls mit Wasserspielen experimentierenden biblischen Bruder zu ziehen, w\u00e4re wohl vermessen. \u201eIch war in meiner Jugendzeit schon immer ein guter Sprinter gewesen\u201c, erinnert sich der geb\u00fcrtige Bayer, den es 1967 wegen seines Jura-Studiums nach Saarbr\u00fccken verschlug.<\/p>\n<p><strong>In seiner Jugend war Lang ein sehr erfolgreicher Sprinter<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNach \u00fcber vierzig Jahren f\u00fchlt er sich wie ein echter Saarl\u00e4nder, erinnert sich aber gerne an die Zeit in seiner Heimat: \u201eBei dem Schulsportfest 1957 bin ich als 17-J\u00e4hriger 100 Meter in 11,0 Sekunden gelaufen. Das war in der damaligen Zeit ein sehr gutes Ergebnis. Im gleichen Jahr lief Armin Hary 10,2 Sekunden.\u201c Der im saarl\u00e4ndischen Quierschied geborene Hary machte sich drei Jahre sp\u00e4ter mit der Weltrekord-Zeit von 10,0 Sekunden unsterblich \u2013 Jakob Lang blieb hingegen keine Zeit zum Trainieren: \u201eDas Talent w\u00e4re ausbauf\u00e4hig gewesen, wenn ich in einem Sportverein gewesen w\u00e4re. Aber ich bin schon fr\u00fch ins Berufsleben eingestiegen und habe mit dem Laufen erst wieder mit 50 Jahren angefangen. Mit 54 ging ich dann erstmals auf die Ultra-Strecke (alle L\u00e4ufe \u00fcber der Marathon-L\u00e4nge von 42,195 Kilometern, Anm. d. Red.) und das hat mir so viel Spa\u00df gebracht, dass ich es einfach weitergemacht habe.\u201c Aber was treibt einen dazu, im fortgeschrittenen Alter noch so lange Strecken zu laufen? \u201eMich reizt das Durchhalteverm\u00f6gen, das man an den Tag legen muss, um \u00fcber den toten Punkt hinaus zu laufen. Den toten Punkt erreicht jeder L\u00e4ufer irgendwann, bei einem Marathon kommt er oft zwischen den Kilometern 32 und 35.<\/p>\n<p>Beim Ultralauf kommt das gleich mehrfach vor. Und den zu \u00fcberwinden, ist immer wieder eine tolle Sache. Genau das macht mir am meisten Spa\u00df\u201c, sagt Lang, der statt monatlich Hunderte von Kilometern zu laufen auch einfach seinen Ruhestand genie\u00dfen k\u00f6nnte. Seiner \u2013 zugegeben exklusiven \u2013 Meinung nach geht beides nur im Einklang: \u201eAn die Grenze des M\u00f6glichen zu gehen und sich selbst zu beweisen, dass man den inneren Schweinehund besiegen kann, ist ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl.\u201c<\/p>\n<p><strong>Neben dem Laufen z\u00e4hlt auch Kochen zu den Leidenschaften des Pension\u00e4rs.<br \/>\n<\/strong><br \/>\nUm sich \u00fcberhaupt erst in diese Gl\u00fccksmomente versetzen zu k\u00f6nnen, trainiert Lang intensiv und zielgerichtet. \u201eMan kann sagen, ich laufe zehn Mal in der Woche, etwa zwei Mal am Tag.\u201c Die Streckenl\u00e4nge variiere dabei, erkl\u00e4rt er, bevor er mit den beeindruckenden Zahlen herausr\u00fcckt: \u201eNormalerweise haben die weitesten Strecken eine L\u00e4nge zwischen 25 und 30 Kilometern und ich komme dann auf etwa 100 Kilometer pro Woche. Vor Wettk\u00e4mpfen erh\u00f6he ich den Umfang und laufe dann auch 60-Kilometer-Strecken und komme dadurch auf 150 bis 180 Kilometer pro Woche.\u201c Die Frage, ob das alles noch gesund ist, beantwortet Lang in seiner Funktion als ausgebildeter Kneipp-Gesundheitstrainer: \u201eIch habe null Beschwerden. Fr\u00fcher hatte ich schon des \u00d6fteren Probleme mit Knie- und H\u00fcftbeschwerden \u2013 einmal habe ich mir beim Training sogar das Sprunggelenk gebrochen.<\/p>\n<p>Aber seit ich vor etwa zwei Jahren wieder angefangen habe, bei Wettk\u00e4mpfen zu starten, und das Trainigspensum wieder erh\u00f6hte, hatte ich keine Beschwerden mehr. Ich f\u00fchre das in der Tat auf die Kneipp-Behandlungen zur\u00fcck.\u201c Im Saarland k\u00f6nnte man Kneip(p)-Behandlungen im Ruhestand auch als weniger gesundheitsf\u00f6rderliche Ma\u00dfnahme begreifen, aber Jakob Lang meint tats\u00e4chlich die Methoden des ber\u00fchmten Namensgebers f\u00fcr Wasser-Kuren, Sebastian Kneipp. \u201eIn den letzten drei Jahren habe ich an der Kneipp-Akademie Ausbildungen zum Pflanzen-Heilkundler und zum Kneipp-Gesundheitstrainer absolviert und f\u00fchre diese Behandlungen auch an mir selbst durch. Ich habe seitdem keine Beschwerden mehr und f\u00fchle mich nach dem Training nicht so m\u00fcde.\u201c Angesichts der gegenw\u00e4rtigen Temperaturen l\u00e4uft es selbst einem abgeh\u00e4rteten Sportler eiskalt den R\u00fccken hinunter, wenn Jakob Lang erkl\u00e4rt, welche Anwendung er nach dem Duschen praktiziert: \u201eIch stelle mich in die Badewanne und gie\u00dfe kaltes Wasser von der H\u00fcfte abw\u00e4rts \u00fcber meine Knie und Schenkel. Danach trockne ich mich nicht ab, sondern pumpe das warme Blut durch Bewegung wieder zur\u00fcck in die Gef\u00e4\u00dfe der Extremit\u00e4ten. Durch diese starke Anregung der Durchblutung weicht die M\u00fcdigkeit aus dem K\u00f6rper.\u201c Klingt plausibel.<\/p>\n<p>Aber die ganze Prozedur klingt auch nach dem lauten Bellen des eben schon erw\u00e4hnten inneren Schweinehundes, der so etwas wie ein st\u00e4ndiger Begleiter Langs zu sein scheint. \u201eNat\u00fcrlich kostet auch das erst einmal eine gewisse \u00dcberwindung. Vor allem wenn man Kneipp-Anf\u00e4nger ist und das auch noch im Winter. Die Vorstellung, sich bis zur H\u00fcfte mit 15 Grad kaltem Wasser nass zu machen und sich nicht abtrocknen zu d\u00fcrfen, ist dann sicher nicht angenehm\u201c, zeigt Lang freundlich l\u00e4chelnd Verst\u00e4ndnis, und behauptet eiskalt: \u201eAber wenn man es oft genug gemacht hat, wei\u00df man, dass es sich danach gut anf\u00fchlt, und dann ist die \u00dcberwindung k\u00fcnftig nicht mehr so gro\u00df.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eBei der WM in Gibraltar war die Siegesfeier etwas ganz Besonderes\u201c<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDass Jakob Lang im Allgemeinen keine gro\u00dfen \u00dcberwindungs-\u00c4ngste plagen, zeigt auch seine diesj\u00e4hrige Erfolgsbilanz. Stolz darf sich der 70-J\u00e4hrige \u201eWeltjahres-Bester\u201c seiner Altersklasse nennen. Und zwar in einer Disziplin, deren Bezeichnung allein schon so manchen abschrecken w\u00fcrde: 24-Stunden-Rennen. Fast unglaubliche 187,003 Kilometer lief Lang in dieser Disziplin im Juni und damit allen deutschen Konkurrenten \u2013 auch Norbert Hoffmann \u2013 davon und kassierte neben der Weltjahres-Bestzeit auch den Deutschen Meistertitel. Der j\u00fcngste Erfolg des Jahres 2010 ist ihm aber der liebste: \u201eDie WM in Gibraltar war schon ein grandioses Erlebnis.<\/p>\n<p>Ich stelle sie noch \u00fcber den New York-Marathon von 1994, der mich vor allem wegen der 2,5 Millionen Zuschauer beeindruckt hatte. Aber bei der WM in Gibraltar war allein die Siegesfeier etwas ganz Besonderes. Wenn man dann auf das Treppchen geholt wird und die Nationalhymne gespielt wird\u2026\u201c, schwelgt Lang in der noch frischen Erinnerung, \u201eIch sch\u00e4me mich auch nicht zu sagen, dass ein paar Tr\u00e4nchen meine Wange heruntergelaufen sind.\u201c Eindr\u00fccke z\u00e4hlen mehr als Rekorde \u2013 aber die sind auch ganz sch\u00f6n: \u201eIch hetze nicht den Zeiten hinterher. Es ist zwar gut und sch\u00f6n, wenn man Weltranglisten-Erster ist oder einen Rekord aufstellt, aber das sieht n\u00e4chstes Jahr vielleicht schon wieder anders aus. Das ist nicht das Bleibende. Das Bleibende sind die Eindr\u00fccke. Aber es braucht trotzdem auch den Ehrgeiz, sonst hat man keine Erfolge.\u201c Und ohne Erfolge kommt man nicht an Orte oder zu Wettbewerben, bei denen man die wertvollen Eindr\u00fccke gewinnen kann. Ein Teufelskreis, den Jakob Lang auf seine ganz eigene Art (durch)- ,,l\u00e4uft\u201c: \u201eIch habe mich von einem anderen Ultral\u00e4ufer dazu \u00fcberreden lassen, im August 2011 in Lebach beim 12-Stundenlauf auf der Bahn mitzumachen und den Weltrekord in meiner Altersklasse anzugreifen. Ich habe noch nie einen Wettbewerb auf der Bahn gemacht.<\/p>\n<p>Der Deutsche Rekord liegt derzeit bei 97,68 Kilometern, der\u00a0 Weltrekord bei 109 Kilometern. Das zu \u00fcberbieten, sollte f\u00fcr mich aber kein Problem sein. Bei der Deutschen Meisterschaft \u00fcber 24 Stunden war ich nach 12 Stunden schon weiter. Und da musste ich mir ja die Kr\u00e4fte einteilen, weil ich erst die halbe Strecke absolviert hatte.\u201c Nach seinen Angriffen auf die Weltrekorde der Disziplinen in sechs, 12 und 24 Stunden im Jahr 2011 will sich der Wahl-Saarl\u00e4nder im \u00fcbern\u00e4chsten Jahr einige \u2013 wie er sie nennt \u2013 \u201eSpa\u00dfl\u00e4ufe\u201c g\u00f6nnen. Dazu geh\u00f6ren: Ein Lauf durch die W\u00fcste in S\u00fcdafrika, ein Lauf auf den Kilimandscharo oder der Lauf von Athen nach Sparta \u2013 ganz nebenbei einer der schwersten seiner Art.<\/p>\n<p>Jakob Lang hat seinen ganz eigenen Weg gefunden, durch\u2018s Leben zu laufen. Vielleicht macht er sich auf der Suche nach einer neuen Herausforderung auch irgendwann einmal auf den Weg, der nach einem seiner ber\u00fchmten Namensvetter benannt ist. Wie viele Schweinehunde der in Riegelsberg wohnende Bayer dann auf der \u201eUltra-Strecke\u201c ins spanische Santiago de Compostela antreffen wird, wird sich dann zeigen\u2026<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht am 14. Januar 2011 in FORUM &#8211; Das Wochenmagazin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Alter, in dem viele Menschen die sportlichen Aktivit\u00e4ten einstellen, hat Jakob Lang die Ultra-Distanz f\u00fcr sich entdeckt. Bei der WM in Gibraltar wurde er Zweiter \u00fcber 100 Kilometer. Doch sein Ehrgeiz ist weiterhin ungebremst. 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