{"id":190,"date":"2010-12-29T14:30:45","date_gmt":"2010-12-29T13:30:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=190"},"modified":"2014-09-10T18:07:02","modified_gmt":"2014-09-10T16:07:02","slug":"jonathan-akpoborie-die-geschichte-um-das-sklavenschiff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.sebastian-zenner.de\/?p=190","title":{"rendered":"Jonathan Akpoborie: Die Geschichte um das Sklavenschiff"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ex-FCS-St\u00fcrmer Akpoborie ist seit Anfang Dezember auf der Kino-Leinwand zu sehen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>K\u00f6ln. Jonathan Akpoborie war vor 25 Jahren Fu\u00dfball-Weltmeister. Noch heute ger\u00e4t er ins Schw\u00e4rmen, wenn er von dem gr\u00f6\u00dften Erfolg seiner Karriere erz\u00e4hlt, der gleichzeitig den Start in ein neues Leben bedeutete: \u201eBei einem Spiel meiner damaligen Mannschaft, der Queens Park Rangers in Lagos, wurde ich von einem Scout der U17-Nationalmannschaft entdeckt\u201c, erinnert sich der heute 42 Jahre alte ehemalige Profi-St\u00fcrmer. \u201eIch wurde zu einem Lehrgang bestellt und durfte mit zur Weltmeisterschaft nach China fahren. Die haben wir dann gewonnen, und von da an war alles wie in einem Traum.\u201c<\/p>\n<p>Aus den Ghettos der damaligen nigerianischen Hauptstadt Lagos schaffte Akpoborie anschlie\u00dfend den Sprung nach Europa, wurde 1996 mit der Nationalmannschaft Olympiasieger und verdiente mit seinem Talent viel Geld. Geld, mit dem er seine Familie in Afrika nachhaltig unterst\u00fctzen wollte.<\/p>\n<p>Aber im Gegensatz zu vielen Torsch\u00fcssen im Laufe seiner Karriere ging dieser Schuss nach hinten los: \u201eF\u00fcr mich war es eine Verpflichtung, meine Familie zu unterst\u00fctzen. Und daf\u00fcr wollte ich ihr ein lukratives Gesch\u00e4ft erm\u00f6glichen. Ich traf meine Br\u00fcder und fragte sie, was der Familie am meisten helfen w\u00fcrde\u201c, erz\u00e4hlt das zweitj\u00fcngste von insgesamt zw\u00f6lf Geschwistern, \u201eund sie entschieden sich daf\u00fcr, eine F\u00e4hre zu betreiben\u201c.<\/p>\n<p>Also kaufte Akpoborie Ende der Neunziger ein Schiff, taufte es mit \u201eEtireno\u201c auf den Namen seiner Mutter und stellte es der Familie f\u00fcr den wirtschaftlichen Betrieb zur Verf\u00fcgung. Eine Entscheidung, die Akpoborie im Jahr 2001 ein unr\u00fchmliches Karriere-Ende bescherte.<\/p>\n<p>Die eben zitierten S\u00e4tze spricht der ehemalige nigerianische Nationalspieler n\u00e4mlich in einem Dokumentarfilm, der die Umst\u00e4nde, die zum Ende seiner Laufbahn beigetragen haben, n\u00e4her beleuchten soll. Der Film hei\u00dft \u201eDas Schiff des Torj\u00e4gers\u201c und ist seit Anfang Dezember 2010 im Kino zu sehen. Darin wird aufgerollt, wie es dazu kam, dass Akpoborie im April 2001 \u00fcber Nacht von seinem damaligen Arbeitgeber VfL Wolfsburg entlassen wurde. An Bord der \u201eEtireno\u201c wurden zu dieser Zeit 43 Kinder gefunden, von denen mehrere nach ihrer Ankunft im westafrikanischen Benin als Kindersklaven verkauft werden sollten. Ein gefundenes Fressen f\u00fcr die Medien \u2013 und letztlich der Grund, weshalb der VfL ihn entlie\u00df. Und das, obwohl ihm bis heute keine Verbindung zum Kinderhandel nachgewiesen werden konnte.<\/p>\n<p>Als Fu\u00dfball-Profi k\u00fcmmerte sich Akpoborie nicht um den laufenden Betrieb und wusste daher nach eigenen Angaben nichts von dem Missbrauch seiner F\u00e4hre. Auch Dritte nutzten Akpobories Popularit\u00e4t, um ein ernsthaftes Problem \u00f6ffentlichkeitswirksam auf die mediale Tagesordnung zu hieven. \u201eIch mache denen, die mich damals im Voraus verurteilt haben, keinen Vorwurf. Diese Leute haben sich nur an das gehalten, was Unicef behauptet hatte, ohne eine Untersuchung abzuwarten\u201c, sagt der Nigerianer im Gespr\u00e4ch mit der SZ und kommt zu dem Schluss: \u201eHeute kann man sagen: Das war eine L\u00fcge. Und daf\u00fcr muss die Unicef die Verantwortung \u00fcbernehmen und erkl\u00e4ren, wie es dazu kommen konnte. Jetzt, wo die Fakten auf der Hand liegen.\u201c<\/p>\n<p>Und daf\u00fcr ist der ehemalige St\u00fcrmer des 1. FC Saarbr\u00fccken vor allem der Regisseurin des Films, Heidi Specogna, dankbar: \u201eEigentlich wollte ich mich zu dieser Angelegenheit nicht mehr \u00e4u\u00dfern. Aber dann wurde ich \u00fcberredet und habe dem Ganzen zugestimmt. Jetzt muss ich sagen: Heidi hat das sehr gut gemacht, und jede Seite kommt in dem Film zu Wort. Der Zuschauer kann sich ein eigenes Bild von der Situation machen.\u201c<\/p>\n<p>Dass sein Abbild nun \u00fcber die Leinw\u00e4nde der deutschen Kinos flimmert, beeinflusst seinen jetzigen Beruf peripher. Heute arbeitet Akpoborie als Fifa-Lizenzierter, internationaler Spieler-Agent und vermittelt vornehmlich afrikanische Fu\u00dfball-Talente an Vereine in Europa. \u201eDie Arbeit macht mir sehr viel Spa\u00df. Ich profitiere davon, dass ich fr\u00fcher selbst erfolgreich Fu\u00dfball gespielt habe\u201c, bekennt sich der 42-J\u00e4hrige zu seiner T\u00e4tigkeit und gesteht auf Nachfrage lachend: \u201eTrainer zu werden, das war f\u00fcr mich nie ein Thema. Den Stress, den man hat, wenn man eine ganze Mannschaft trainiert, wollte ich mir nicht antun.\u201c<\/p>\n<p>Vielleicht findet eines der von ihm gesichteten Talent wie er damals den Weg nach Europa \u2013 und ins Saarland. Der 1. FC Saarbr\u00fccken war zwischen 1990 und 1992 seine erste Profi-Station in Deutschland und 2001 auch seine letzte. Nach dem Rauswurf in Wolfsburg machte der Sympathietr\u00e4ger noch vier Spiele im blau-schwarzen Dress, ehe ihn ein Knorpelschaden im Knie endg\u00fcltig in die gleichen zwang: \u201eDie Verletzung und die ganze Geschichte mit Unicef hat mich damals ziemlich runtergemacht. Ich hatte gehofft, dass ich wieder gesund werde und meine Leistung bringen kann. Ich glaube auch, dass der FCS dann gar nicht aus der 2. Liga abgestiegen w\u00e4re\u201c, erinnert sich der fast besch\u00e4mt wirkende Akpoborie und f\u00fcgt nahezu rechtfertigend an: \u201eAber wenn man so viele Probleme im Kopf hat, und dann kommt auch noch eine Verletzung dazu. Das hat meine Karriere kaputt gemacht.\u201c Dennoch verbindet er viele positive Erinnerungen mit dem FCS: \u201eWir sind damals in die Bundesliga aufgestiegen. Das war eine tolle Zeit, an die ich mich immer erinnern werde.\u201c<\/p>\n<p>Heute, 18 Jahre sp\u00e4ter und neun Jahre nach seinem ungeplanten Karriere-Ende, spielt er wieder Fu\u00dfball. In einer Szene aus \u201eDas Schiff des Torj\u00e4gers\u201c ist er beim Kicken mit Freunden und in einem Trikot von Borussia Dortmund, die Nummer 18 von Viktor Ikpeba, zu sehen. \u201eOh ja, ich habe wieder Spa\u00df am Fu\u00dfball spielen. Ohne geht gar nicht\u201c, sagt Akpoborie.<\/p>\n<p><strong>Zur Person<\/strong><br \/>\nJonathan Akpoborie wurde am 20 Oktober 1968 in Lagos\/Nigeria geboren und absolvierte f\u00fcr sein Heimatland zw\u00f6lf L\u00e4nderspiele (vier Tore). In Deutschland war er in der 1. und 2. Bundesliga aktiv f\u00fcr den 1. FC Saarbr\u00fccken (1990 bis 1992 und 2001, 57 Spielen\/9 Tore), den FC Carl Zeiss Jena (1992 bis 1994, 74\/26), die Stuttgarter Kickers (1994\/1995, 32\/37), den SV Waldhof Mannheim (1995, 18\/9), Hansa Rostock (1996 bis 1997, 47\/20), den VfB Stuttgart (1997 bis 1999, 58\/21) und den VfL Wolfsburg (1999 bis 2001, 39\/20).<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht am 29. Dezember 2010 in der Saarbr\u00fccker Zeitung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ex-FCS-St\u00fcrmer Akpoborie ist seit Anfang Dezember auf der Kino-Leinwand zu sehen K\u00f6ln. Jonathan Akpoborie war vor 25 Jahren Fu\u00dfball-Weltmeister. 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